Elio & KUMALA in Berehove
Wenn Fantasie und Solidarität aufeinandertreffen
Vor fast zehn Jahren ging Elio mit weltwärts in die Westukraine. Aus dem einjährigen Freiwilligendienst entstand ein langfristiges Engagement: Heute organisiert Elio gemeinsam mit anderen Freiwilligen mit dem Projekt KUMALA kreative Sommercamps für Kinder in Berehove – mit Zirkus, Kunst, Theater und Musik. In Zeiten des anhaltenden russischen Angriffskriegs ist das Camp mehr als ein Ferienangebot: Es ist ein Ausdruck gelebter Solidarität.
Eigentlich wollte Elio nach Südamerika. Als Drittwunsch nannte Elio bei der Entsendeorganisation eher beiläufig einige osteuropäische Länder – darunter die Ukraine. Wenig später kam die Zusage. So führte der Freiwilligendienst 2016/17 nach Berehove (ungarisch: Beregszász) in Transkarpatien – eine Stadt, in der Ukrainer*innen, eine große ungarische Minderheit, Roma und weitere Communities zusammenleben.
Entsandt über DJiA arbeitete Elio in einer ungarisch-reformierten Kirchengemeinde mit angeschlossener Diakonie. Dort übernahm Elio Besuchsdienste bei älteren Menschen, unterstützte im Alltag und half bei der Essensausgabe für Bedürftige. Parallel engagierte Elio sich an einer Schule für Romakinder. „Rückblickend bin ich sehr dankbar, dass es die Ukraine geworden ist“, sagt Elio. Die Nähe zu Deutschland ermöglichte viele Besuche von Familie und Freund*innen. Auch nach dem weltwärts-Jahr riss der Kontakt nicht ab – bis Corona und die russische Vollinvasion 2022 Reisen unmöglich machten.
Solidarität als Ausgangspunkt
„Das Projekt KUMALA entstand aus dem Wunsch, solidarisch mit den Menschen in der Ukraine zu handeln. Wir wollten unsere Zeit und Energie zur Verfügung stellen“, sagt Elio. 2023 reiste Elio erstmals wieder nach Berehove. Inspiriert von einer Stelzentheatergruppe, die mit geflüchteten Kindern an der türkisch-syrischen Grenze arbeitet, entwickelte sich die Idee für ein eigenes erlebnispädagogisches Projekt.
Hinzu kam eine lange persönliche Prägung: Aufgewachsen in einer Kirchengemeinde in Mecklenburg mit Kinder- und Jugendwochen zu Zirkus und Theater, später Studium der Theologie, ein Jahr Schauspiel, heute Figurentheater. Viele Kontakte in die Theater- und Kulturszene wurden zu Mitstreitenden der ersten Stunde bei KUMALA.
Vom Pilotprojekt zu “Kumala”
2024 startete ein erstes Pilotprojekt – vollständig spendenfinanziert, getragen von dreizehn Freiwilligen, darunter Elio, eine ehemalige Mitfreiwillige, Elios Bruder, Studierende aus verschiedenen deutschen Städten, eine Schauspielstudentin aus der Ukraine, die nach Salzburg geflüchtet war, und weitere Unterstützer*innen aus der Kirchengemeinde in Mecklenburg.
Vormittags half das Team weiterhin in der Diakonie, nachmittags organisierten sie ein Kinderprogramm. 25 bis 30 Kinder im Alter von sechs bis 14 Jahren nahmen teil. Am Ende konnten 4.500 Euro an Restspenden vor Ort bleiben.
Damals trug das Vorhaben noch den Namen „Ukraine Projekt Reinshagen“. Das änderte sich mit einem Lied: „Kumala Kamala Vesu“ – eine bestehende Melodie mit neu gedichtetem Fantasietext, die gemeinsam mit den Kindern gesungen wurde. „Die Kinder meinten irgendwann: Ihr seid die Kumala-Leute“, erzählt Elio. Der Name blieb.
Seit dem vergangenen Jahr läuft das Projekt offiziell über den Verein East-West-East Germany e.V. und wird durch die European Solidarity Corps finanziert. Das Sommercamp bietet Kindern drei Bereiche: Zirkus, Kunst sowie Theater und Musik. Sie jonglieren, singen, machen Body Percussion oder spielen Diabolo. Feste Tagesstrukturen wechseln sich mit freien Spielphasen ab. Ziel ist ein möglichst wertungsfreier Raum – mit Platz für Kreativität und kleinen Erfolgserlebnissen.
Berehove zwischen Vielfalt und Krieg
Berehove ist sprachlich und kulturell geprägt von Vielfalt. Elio spricht Ungarisch; die Kontakte bestanden lange vor allem in der ungarischen Community. Erst 2025 entstand ein Zugang zur ukrainischen Community über den städtischen Sozialdienst. Auch die Roma-Community, die häufig von Armut und sozialer Isolation betroffen ist, rückt stärker in den Fokus.
„Der Krieg hat weitere Spannungen geschaffen“, sagt Elio – durch Binnenflucht, Einberufungen und politische Konfliktlinien. Gleichzeitig entstehen neue Verbindungen.
Mehr als ein Jahr weltwärts
Der Impuls für Kumala entstand nicht unmittelbar nach dem Freiwilligendienst, sondern entwickelte sich über Jahre der Verbundenheit. Entscheidend sind die langfristigen Beziehungen: „Vieles funktioniert, weil ich die Leute seit zehn Jahren kenne.“
Für das Sommercamp 2026 werden erneut Freiwillige gesucht. Vom 21. Juli bis 7. August können mindestens zehn Personen das Camp unterstützen. Bis zu 50 Kinder können diesmal teilnehmen - das Doppelte der Vorjahre. Pädagogische Erfahrung ist hilfreich, aber keine Voraussetzung – auch Organisation, Küche oder Technik sind gefragt. Unterkunft, Verpflegung und ein kleines Taschengeld sind inklusive. Ukrainischkenntnisse sind willkommen.
Teilnehmende erwarten drei intensive Wochen, in denen aus Einzelnen schnell ein tragfähiges Team wird. Die gemeinsame Zeit schafft eine besondere Dynamik, die über das Camp hinauswirkt. Gleichzeitig eröffnet sich ein unmittelbarer Einblick in den Alltag eines historisch vielschichtigen Ortes in einer vom Krieg geprägten Region – und die Möglichkeit, Solidarität konkret werden zu lassen.
Kumala ist für Elio kein kurzfristiges Projekt. „Ich werde so lange wiederkommen, wie sie das möchten“, sagt Elio mit Blick auf Kinder, Eltern und lokale Partner*innen. „Wir sind mit dem Anspruch hingefahren, das langfristig zu gestalten.“
So entsteht in Berehove Jahr für Jahr ein temporärer Raum, in dem Kinder spielen, auftreten und Neues ausprobieren können – verlässlich, gemeinschaftlich und mit viel kreativer Energie.