Seit sechs Jahren gibt es den Verein Woé zon loo, den Emily Wilbrand nach ihrem weltwärts-Freiwilligendienst in Togo gründete. In dieser Zeit hat der Verein rund 250.000 Euro gesammelt, mehrere Preise gewonnen - u.a. den Bundespreis von startsocial und den Engagementpreis der Studienstiftung des deutschen Volkes – und gemeinsam mit der Partnerorganisation IVA in Togo kontinuierlich in Bildungs- und Frauenprojekte investiert. Alles begann mit einem weltwärts-Jahr, das Emily rückblickend nüchtern, aber prägend beschreibt.
2016 reiste Emily nach dem Abitur nach Togo. Sie wollte etwas Neues ausprobieren, nicht mit Kindern arbeiten und ihr Französisch verbessern, und stieß auf ein Radioprojekt, das gut zu ihr passte. Während viele ihr weltwärts-Jahr als „das beste Jahr ihres Lebens“ beschreiben, war es für Emily eine Belastungsprobe: beinahe monatliche Erkrankungen an Malaria und/oder bakteriellen Infektionen, Krankenhausaufenthalte, Schwierigkeiten im Einsatzprojekt und Heimweh prägten die Zeit. Positiv in Erinnerung blieb vor allem die große Gastfamilie im Centre in Kpalimé, einem von IVA betriebenen Haus für Kinder und Jugendliche in schwierigen Lebenslagen. Emily erinnert sich: „Mich hat das enorme Engagement des Vereins sehr beeindruckt. Es gab zwar kleinere Einnahmen, aber oft fehlte Geld, etwa für Medikamente. Da habe ich gemerkt: Mit vergleichsweise wenig Geld kann man sehr viel bewirken.“
Der Gedanke, mit vergleichsweise wenig Geld konkrete Wirkung zu erzielen, ließ Emily auch nach ihrer Rückkehr nach Deutschland nicht los. Eineinhalb Jahre später besuchte sie eine Konferenz zu „Entwicklungsperspektiven in Europa und Afrika“, organisiert vom Eine-Welt-Netz NRW. Dort wurde aus einer vagen Idee erstmals ein konkreter Plan: der Impuls, selbst einen Verein zu gründen. Der erste Versuch, Mitstreiter*innen zu mobilisieren, scheiterte. Doch Emily blieb dran. Ein Jahr später gelang es schließlich: 2019 gründete sie gemeinsam mit weiteren weltwärts-Ehemaligen und ihrer Mutter als formales siebtes Mitglied den Verein. Damit begann ein langfristiges entwicklungspolitisches Engagement – mit deutlich mehr Wirkung, als sie sich zu diesem Zeitpunkt hätte vorstellen können. Auch der Name war schnell gefunden. „Woé zon loo“ bedeutet „Herzlich willkommen“ – ein Satz, den man beim Betreten des Centres hört und der sinnbildlich für die Offenheit steht, mit der dort allen Menschen begegnet wird.
Heute betreibt der Verein mehrere Projekte in Togo. Das Herzstück ist das Centre, inzwischen leben dort rund 20 Kinder, die Unterkunft, emotionale Begleitung, Mahlzeiten und Schulbildung erhalten. Ergänzt wird das Angebot durch ein Nachhilfeprojekt für 60 Kinder aus dem Centre und der Umgebung. Acht Lehrkräfte geben Raum zum Üben und Wiederholen in Kleingruppen, um den Schulunterricht systematisch zu ergänzen.
Ein weiteres Projekt ist Lionne, ein Social Startup zur Herstellung wiederverwendbarer Stoffbinden aus Second-Hand-T-Shirts, ergänzt durch Aufklärungsarbeit zu Menstruation und Sexualität. Emily erklärt: „Wir wollen, dass Mädchen und Frauen während und trotz ihrer Menstruation voll am Leben teilnehmen können.“ Schulworkshops, lokale Vertriebskanäle und Kooperationen mit NGOs sollen das Projekt langfristig eigenständig machen.
Parallel setzt sich der Verein mit postkolonialer Kritik auseinander, etwa Machtverhältnissen, White-Saviorism und Intersektionalität.
Alle Vereinsmitglieder arbeiten ehrenamtlich. Emily selbst war mehrfach vor Ort und investierte während ihres Psychologiestudiums 10–20 Stunden pro Woche und mittlerweile im Job 5 Stunden. Von den ursprünglichen Mitgliedern ist sie die einzige, die noch aktiv dabei ist, gleichzeitig kommen kontinuierlich neue Engagierte hinzu – viele ohne vorherigen Bezug zu Togo, die teilweise im Laufe der Arbeit vor Ort Erfahrungen sammeln. „Menschen, die nur zwei oder drei Monate in Togo sind, sind oft extrem motiviert, weil sie wissen, dass ihre Zeit begrenzt ist. Langzeitaufenthalte können dagegen manchmal lethargisch machen“, sagt Emily. Entscheidend seien Begleitung, klare Rollen und realistische Erwartungen.
Gleichzeitig bleiben längerfristige Einsätze eine wichtige Säule des Partnervereins. Der Verein bietet zwei anerkannte weltwärts-Einsatzstellen sowohl im Centre als auch bei Lionne, die neuen Freiwilligen ermöglichen, direkt vor Ort Erfahrungen zu sammeln und messbare positive Wirkung zu haben.
Heute lässt sich die Entwicklung des Vereins klar beziffern: Rund 250.000 Euro an Spenden, ein Social Startup und mehrere Preise – darunter der Starterpreis sowie Engagementpreis der Studienstiftung, ein Bundespreis bei startsocial und ein Preis von Union Investment – belegen die Wirkung des Vereins. Emily nennt drei Erfolgsfaktoren: Persistenz, Flexibilität und enge persönliche Beziehungen nach Togo. „Es gab viele Phasen, in denen kaum etwas funktionierte und Spenden nur langsam reinkamen. Trotzdem weiterzumachen und neue Wege zu suchen – das war entscheidend.“
Von Anfang an war klar, dass die Arbeit nicht aus Deutschland gesteuert wird. Projektideen werden gemeinsam entwickelt, die finale Entscheidung trifft immer die Partnerorganisation vor Ort. Kontinuierliches Monitoring sichert Qualität und Weiterentwicklung der Projekte.
Der Verein lebt von Ehrenamtlichen, die sich online oder vor Ort einbringen können. Insbesondere für ehemalige weltwärts-Freiwillige bietet sich die Möglichkeit, Erfahrungen zu reflektieren, neue Kompetenzen zu erwerben und direkt zu sehen, wie ihr Engagement das Leben von Kindern und Jugendlichen verändert. Emily betont: „Man bleibt verbunden, lernt weiter und kann konkret etwas bewirken – das ist das Besondere.“
Wer sich engagieren möchte, kann in Bereichen wie Projektmanagement, Fundraising, Social Media oder Bildungs- und Aufklärungsarbeit aktiv werden und so dazu beitragen, dass die Projekte von Woé zon loo langfristig Wirkung zeigen.